Ermittelt via Chat GPT

Wenn du die Ursachen wirklich verstehen willst, muss man zwischen der langen Vorgeschichte seit dem Ende der Sowjetunion, den Ereignissen 2013–2014 und dem russischen Großangriff vom 24. Februar 2022 unterscheiden.
Der entscheidende Punkt ist: Der Krieg lässt sich nicht auf eine einzige Ursache reduzieren. Es gibt eine längere Vorgeschichte aus dem Zerfall der Sowjetunion, dem Verhältnis Russlands zum Westen, der Entwicklung der Ukraine und der Frage, welchen Einfluss Russland auf seine Nachbarstaaten behalten wollte.
Dabei sollte man drei Ebenen auseinanderhalten:
- historische und nationale Konflikte
- geopolitische Sicherheitsinteressen – insbesondere NATO und Russland
- konkrete politische Ereignisse ab 2013/14 und die Eskalation 2022
1. 1991: Die Sowjetunion zerfällt
1991 wird die Ukraine unabhängig. Russland akzeptiert zunächst die ukrainische Unabhängigkeit formal. Gleichzeitig bleiben beide Länder extrem eng miteinander verbunden – wirtschaftlich, sprachlich, familiär, kulturell und militärisch.
Die Ukraine war für die Sowjetunion von enormer Bedeutung. Sie war eine der wichtigsten Sowjetrepubliken und verfügte unter anderem über bedeutende Industrie, Landwirtschaft und militärische Infrastruktur.
Für viele Russen war der Zerfall der Sowjetunion deshalb ein gewaltiger geopolitischer Verlust.
Putin bezeichnete den Zerfall der Sowjetunion später als eine der größten geopolitischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Russland deshalb einen Krieg gegen die Ukraine führen musste. Es erklärt aber einen Teil des russischen Denkens über den postsowjetischen Raum.
2. Die Ukraine muss sich entscheiden: Richtung Russland oder Richtung Europa?
Nach 1991 versucht die Ukraine zunächst, zwischen Russland und dem Westen zu balancieren.
Dabei gibt es innerhalb der Ukraine unterschiedliche politische und gesellschaftliche Orientierungen.
Vereinfacht:
Westliche und zentrale Ukraine
→ stärkere Orientierung an Europa
→ stärker ukrainischsprachig
→ größere Unterstützung für EU-Integration
Südliche und östliche Ukraine
→ historisch stärkere wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen zu Russland
→ größere russischsprachige Bevölkerung
→ teilweise stärkere Unterstützung für eine enge Beziehung zu Russland
Diese Trennung darf man aber nicht übertreiben. Die Ukraine war nie einfach in einen „pro-russischen Osten“ und einen „pro-westlichen Westen“ geteilt. Die politischen Mehrheiten veränderten sich über die Jahre und auch innerhalb der Regionen gab es unterschiedliche Ansichten.
3. NATO-Osterweiterung: ein ganz wichtiger Bestandteil der Vorgeschichte
Hier wird die Geschichte komplizierter.
Nach dem Ende des Kalten Krieges erweitert sich die NATO nach Osten.
Unter anderem treten Polen, Tschechien und Ungarn 1999 der NATO bei. Später folgen weitere Staaten, darunter die baltischen Staaten.
Aus westlicher Sicht ist das nachvollziehbar:
Die ehemaligen kommunistischen Staaten wollen selbst entscheiden, welchem Bündnis sie angehören, und suchen Schutz vor einem möglicherweise wieder stärker werdenden Russland.
Aus russischer Sicht sieht es anders aus:
Die ehemalige sowjetische Einflusssphäre verschiebt sich immer weiter Richtung russische Grenze.
Russland betrachtet die NATO-Ausdehnung deshalb zunehmend als Sicherheitsproblem.
Gleichzeitig ist wichtig: Die NATO und Russland waren nach 1991 zunächst keineswegs ausschließlich Feinde. Es gab umfangreiche Kooperation und politische Kontakte. Russland trat beispielsweise 1991 dem Nordatlantischen Kooperationsrat bei und arbeitete in den 1990er Jahren mit der NATO zusammen.
4. 2008: Die NATO sagt, dass Ukraine und Georgien Mitglieder werden sollen
Ein besonders wichtiger Wendepunkt ist der NATO-Gipfel in Bukarest 2008.
Dort erklären die NATO-Staaten:
Ukraine und Georgien sollen grundsätzlich NATO-Mitglieder werden.
Das ist für Russland höchst problematisch.
Denn damit könnte die NATO langfristig unmittelbar an Russland grenzen.
Die NATO wiederum argumentiert mit dem Recht souveräner Staaten, ihre Bündnisse selbst zu wählen.
Das ist einer der zentralen Konfliktpunkte:
Russische Sicht:
„Die NATO rückt immer weiter an Russland heran.“
Westliche/ukrainische Sicht:
„Ukraine ist ein souveräner Staat und darf selbst entscheiden, ob sie NATO-Mitglied werden möchte.“
Die NATO bestätigt bis heute, dass sie 2008 erklärt hat, Ukraine und Georgien würden Mitglieder werden.
Wichtig ist aber auch:
Die Ukraine wurde 2008 nicht NATO-Mitglied.
Es gab also einen Unterschied zwischen dem politischen Ziel einer späteren Mitgliedschaft und einer tatsächlichen NATO-Mitgliedschaft.
5. 2013/2014 kommt es zum großen Bruch
Jetzt kommen wir zu dem Ereignis, das den heutigen Krieg praktisch vorbereitet.
Der ukrainische Präsident Viktor Janukowytsch verhandelt über ein engeres Abkommen mit der EU.
Russland möchte dagegen, dass die Ukraine stärker in die von Russland dominierten Wirtschaftsstrukturen eingebunden wird.
Ende 2013 entscheidet Janukowytsch, das geplante EU-Abkommen nicht zu unterzeichnen.
Daraufhin beginnen in Kiew große Proteste.
Diese werden als Euromaidan bzw. später Revolution der Würde bezeichnet.
Die Proteste eskalieren.
Im Februar 2014 verlässt Janukowytsch das Land. Eine neue ukrainische Führung übernimmt.
Hier gehen die Interpretationen stark auseinander.
Ukrainische/westliche Interpretation
Viele Ukrainer protestierten gegen Korruption und gegen die Abkehr von Europa.
Der Machtwechsel wird als Volksbewegung und Revolution betrachtet.
Russische Interpretation
Moskau sieht darin dagegen einen vom Westen unterstützten Staatsstreich bzw. „Putsch“.
Russland betrachtet die neue ukrainische Regierung deshalb als illegitim.
Das ist ein zentraler Punkt, an dem sich die beiden historischen Erzählungen bis heute unterscheiden.
6. Dann kommt die Krim
Im Februar/März 2014 übernimmt Russland die Kontrolle über die Krim.
Anschließend wird die Krim nach einem international umstrittenen Referendum in die Russische Föderation eingegliedert.
Die internationale Gemeinschaft erkennt die Annexion nicht an.
Russland argumentiert unter anderem mit:
- der russischen Bevölkerungsmehrheit auf der Krim
- der strategischen Bedeutung der Schwarzmeerflotte
- dem Schutz russischer Bürger und russischsprachiger Bevölkerung
- der politischen Krise in Kiew
Die Ukraine und die große Mehrheit der internationalen Staatengemeinschaft betrachten die Krim dagegen weiterhin als ukrainisches Staatsgebiet und die russische Annexion als rechtswidrig. NATO und andere westliche Staaten verurteilten sie ebenfalls.
7. Gleichzeitig beginnt der Krieg im Donbass
2014 bricht im Osten der Ukraine Krieg aus.
In den Regionen Donezk und Luhansk entstehen von Russland unterstützte bzw. mit Russland verbundene separatistische Kräfte.
Die ukrainische Armee kämpft gegen diese Kräfte.
Hier ist eine wichtige Unterscheidung:
Krieg zwischen Russland und der Ukraine im heutigen Sinne begann nicht erst 2022.
Bereits 2014 begann der bewaffnete Konflikt im Donbass, und dieser dauerte acht Jahre, bevor Russland 2022 die großangelegte Invasion startete.
Russland unterstützte die Separatisten politisch, militärisch und logistisch; Moskau bestritt allerdings lange Zeit eine direkte militärische Beteiligung regulärer russischer Kräfte.
8. Minsk I und Minsk II sollen den Krieg beenden
2014 und 2015 werden die sogenannten Minsker Vereinbarungen ausgehandelt.
Beteiligt sind unter anderem:
- Ukraine
- Russland
- OSZE
- Vertreter der Separatisten
- Frankreich
- Deutschland
Ziel:
Waffenstillstand + politische Lösung für den Donbass.
Unter anderem geht es um:
- Waffenstillstand
- Abzug schwerer Waffen
- Gefangenenaustausch
- eine besondere politische Regelung für bestimmte Gebiete
- schließlich eine Wiedereingliederung dieser Gebiete in die Ukraine unter besonderen Bedingungen.
Die Vereinbarungen werden allerdings nie vollständig umgesetzt.
Beide Seiten werfen sich gegenseitig Verstöße vor. Internationale Beobachter dokumentierten weiterhin Kämpfe und Verletzungen der Vereinbarungen.
9. 2014–2021: Ukraine entfernt sich immer stärker von Russland
Nach 2014 verändert sich die ukrainische Gesellschaft stark.
Die russische Annexion der Krim und der Krieg im Donbass führen bei vielen Ukrainern dazu, dass Russland nicht mehr als natürlicher Partner, sondern als Bedrohung wahrgenommen wird.
Die Ukraine intensiviert gleichzeitig ihre Beziehungen zu:
- EU
- USA
- NATO
NATO-Staaten helfen der Ukraine unter anderem bei militärischer Ausbildung und Reformen.
Damit entsteht ein klassischer geopolitischer Teufelskreis:
Russland fühlt sich durch die Annäherung der Ukraine an NATO und Westen bedroht.
→ Russland übt Druck auf die Ukraine aus.
→ Dadurch fühlen sich viele Ukrainer noch stärker bedroht.
→ Die Ukraine orientiert sich noch stärker nach Westen.
→ Russland sieht darin wiederum eine weitere Bedrohung.
10. 2021: Die Situation eskaliert
2021 beginnt Russland, große Truppenverbände rund um die Ukraine zusammenzuziehen.
Putin fordert von den USA und der NATO unter anderem Sicherheitsgarantien.
Dazu gehören Forderungen, die NATO solle sich nicht weiter nach Osten ausdehnen und insbesondere die Ukraine solle nicht NATO-Mitglied werden.
Hier treffen zwei grundsätzliche Vorstellungen aufeinander:
Russland
„Wir brauchen Sicherheitsgarantien. Die NATO darf nicht weiter bis an unsere Grenzen vorrücken.“
Ukraine/Westen
„Russland darf nicht bestimmen, welche Bündnisse ein souveräner Staat eingehen darf.“
Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten geopolitischen Konflikte hinter der Eskalation von 2022.
11. Ein weiterer Faktor: Putins Vorstellung von Russland und Ukraine
Neben NATO und Sicherheitsinteressen gibt es noch eine andere Ebene.
Putin vertritt zunehmend die Auffassung, dass Russen und Ukrainer historisch eng zusammengehören.
In einem ausführlichen Aufsatz von 2021 beschreibt er Russen und Ukrainer als Teile eines gemeinsamen historischen und geistigen Raums.
Das ist politisch bedeutsam.
Denn aus ukrainischer Sicht bedeutet die eigene Unabhängigkeit:
„Wir sind eine eigenständige Nation und bestimmen selbst über unseren Staat.“
In der von Putin vertretenen historischen Perspektive steht dagegen stärker die Vorstellung einer gemeinsamen historischen Nation bzw. eines gemeinsamen Kulturraums im Vordergrund.
Damit geht der Konflikt über NATO und Militärpolitik hinaus.
Es geht auch um die grundsätzliche Frage:
Ist die Ukraine eine vollständig eigenständige geopolitische Nation, die ihren eigenen Weg wählen darf – oder gehört sie aus russischer Sicht in eine besondere russische Einflusssphäre?
12. 24. Februar 2022: Russland beginnt die Großinvasion
Am 24. Februar 2022 greift Russland die Ukraine von mehreren Richtungen aus an.
Russische Truppen kommen unter anderem:
- aus Russland
- aus Belarus
- von der Krim
Der Angriff ist damit eine massive Ausweitung des bereits seit 2014 bestehenden Krieges.
Putin nennt unter anderem:
- „Entmilitarisierung“
- „Entnazifizierung“
- Schutz der Bevölkerung im Donbass
- Sicherheitsinteressen Russlands
als Ziele.
Die russische Regierung stellt den Krieg damit als notwendige Reaktion auf eine Bedrohung Russlands und der russischsprachigen Bevölkerung dar.
Die Ukraine und westliche Staaten weisen diese Begründungen zurück und betrachten den Angriff als russische Invasion eines souveränen Staates.
Der gesamte Zusammenhang als Zeitstrahl
1991
│
├── Zerfall der Sowjetunion
│ Ukraine wird unabhängig
│
├── 1990er
│ Ukraine versucht zwischen Russland und Westen zu balancieren
│
├── 1999/2004+
│ NATO erweitert sich nach Osten
│ Russland sieht dies zunehmend kritisch
│
├── 2008
│ NATO erklärt:
│ Ukraine und Georgien sollen künftig Mitglieder werden
│
├── 2013
│ Streit über EU-Annäherung der Ukraine
│
├── 2013/14
│ Euromaidan
│
├── Februar 2014
│ Janukowytsch verlässt Ukraine
│ neue Regierung in Kiew
│
├── März 2014
│ Russland übernimmt Krim
│ anschließend Annexion
│
├── 2014
│ Krieg im Donbass beginnt
│
├── 2014/15
│ Minsk I + Minsk II
│ Waffenstillstand soll Konflikt lösen
│
├── 2015–2021
│ Konflikt bleibt ungelöst
│ Ukraine orientiert sich weiter Richtung EU/NATO
│
├── 2021
│ Russland zieht große Truppenverbände zusammen
│ fordert Sicherheitsgarantien
│
└── 24. Februar 2022
Russland startet Großinvasion
Was sind nun die wichtigsten Ursachen?
Man kann sie in fünf große Blöcke einteilen:
| Ursache | Bedeutung |
|---|---|
| Zerfall der Sowjetunion | Russland verliert seinen Einfluss auf die Ukraine |
| Russische Vorstellung einer besonderen Einflusssphäre | Moskau will verhindern, dass die Ukraine vollständig zum Westen wechselt |
| NATO-Osterweiterung | Russland betrachtet die Ausdehnung als Sicherheitsbedrohung |
| Ukrainische Westorientierung | Ukraine möchte zunehmend EU- und NATO-Nähe |
| Krim/Donbass ab 2014 | Der Konflikt wird vom politischen Streit zum bewaffneten Krieg |
Dazu kommen historische Identitätsfragen, wirtschaftliche Interessen, die strategische Bedeutung der Krim und des Schwarzen Meeres sowie die ungelöste Donbass-Frage.
Ein wichtiger Punkt wird dabei häufig übersehen
Es wäre zu einfach zu sagen:
„Der Krieg wurde nur wegen der NATO verursacht.“
Aber ebenso zu einfach wäre:
„Die NATO spielt überhaupt keine Rolle.“
Beides wird der Vorgeschichte nicht gerecht.
Die NATO-Osterweiterung und die russische Wahrnehmung der eigenen Sicherheit sind wichtige Bestandteile der Vorgeschichte. Gleichzeitig gab es schon lange vor 2022 Konflikte über die ukrainische Souveränität, die Krim, den Donbass und Russlands Einflussansprüche. Und 2014 erfolgte bereits die russische Annexion der Krim und die Unterstützung der separatistischen Kräfte im Donbass.
Der Kernkonflikt lässt sich deshalb ungefähr so zusammenfassen:
Die Ukraine wollte zunehmend selbst bestimmen, wohin sie politisch und wirtschaftlich gehört. Russland wollte verhindern, dass die Ukraine vollständig aus seiner Einflusssphäre herausfällt. Der Westen unterstützte das Recht der Ukraine auf diese Selbstbestimmung. Gleichzeitig betrachtete Russland die westliche/NATO-Ausdehnung als zunehmende Bedrohung seiner Sicherheit.
Das erklärt die Vorgeschichte – rechtfertigt aber nicht automatisch jede konkrete Handlung einer der Seiten. Die Ursachen eines Krieges und die Bewertung einzelner militärischer Handlungen sind zwei verschiedene Fragen.
Wenn du möchtest, kann ich als Nächstes noch einen Schritt tiefer gehen und die besonders umstrittene Frage „Hat der Westen Russland zur Invasion provoziert?“ untersuchen – dabei würde ich Putins Argumente, die NATO-/US-Perspektive und die Gegenargumente anhand der tatsächlichen Ereignisse und Dokumente nebeneinanderstellen.
Die Frage „Hat der Westen Russland zur Invasion provoziert?“ ist wahrscheinlich einer der umstrittensten Punkte der gesamten Vorgeschichte. Eine sachliche Betrachtung ergibt: Es gab westliche Entscheidungen, die Russland als Bedrohung wahrnahm und die zur Eskalation beitrugen können. Daraus folgt aber nicht, dass der Westen den Krieg verursacht oder Russland zum Angriff gezwungen hätte. Beides sollte man auseinanderhalten.
1. Das stärkste Argument derjenigen, die von einer „Provokation“ sprechen
Der wichtigste Punkt ist die NATO-Osterweiterung.
Nach dem Ende des Kalten Krieges traten immer mehr Staaten Mittel- und Osteuropas der NATO bei. Russland verlor damit seinen früheren strategischen Puffer.
Besonders wichtig wurde 2008:
Auf dem NATO-Gipfel in Bukarest erklärte die NATO ausdrücklich, dass Ukraine und Georgien künftig NATO-Mitglieder werden sollen.
Für Moskau war das eine sehr ernste Angelegenheit.
Die russische Argumentation lautet vereinfacht:
1991: Sowjetunion zerfällt
↓
1999/2004: NATO rückt weiter nach Osten
↓
2008: NATO stellt Mitgliedschaft der Ukraine in Aussicht
↓
2014: Ukraine orientiert sich nach der Maidan-Krise noch stärker Richtung Westen
↓
2021: Ukraine verfolgt NATO-Mitgliedschaft ausdrücklich
↓
Russland: „Jetzt reicht es.“
Diese Sicht ist geopolitisch durchaus nachvollziehbar: Ein Russland, das die NATO als militärischen Gegner betrachtet, wollte offensichtlich nicht, dass die Ukraine – ein für Russland strategisch und historisch besonders wichtiges Nachbarland – ebenfalls NATO-Mitglied wird.
2. Aber: War die NATO tatsächlich kurz davor, die Ukraine aufzunehmen?
Hier ist eine wichtige Differenzierung notwendig.
Nein – eine unmittelbar bevorstehende NATO-Aufnahme der Ukraine im Februar 2022 ist aus den offiziellen Dokumenten nicht ersichtlich.
Die NATO hatte zwar seit 2008 das langfristige Ziel einer ukrainischen Mitgliedschaft bestätigt. Noch 2021 bekräftigte sie dieses Ziel. Gleichzeitig musste die Ukraine umfangreiche Reformen durchführen, und eine Aufnahme erforderte die Zustimmung aller NATO-Staaten.
Die Ukraine war 2022 kein NATO-Mitglied und stand auch nicht unter dem NATO-Beistandsversprechen des Artikel 5.
Das ist für die Bewertung wichtig:
„Die Ukraine sollte irgendwann NATO-Mitglied werden“ ist etwas anderes als „die Ukraine stand unmittelbar vor einer NATO-Aufnahme“.
3. Hat der Westen Russland 1990 versprochen, die NATO nicht nach Osten zu erweitern?
Hier wird häufig behauptet:
„Der Westen hat Russland versprochen: Die NATO wird sich keinen Zentimeter nach Osten erweitern.“
Das ist komplizierter, als es häufig dargestellt wird.
Es gab 1990 tatsächlich Gespräche zwischen westlichen Politikern und der sowjetischen Führung über die Sicherheitsordnung im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung. Dabei wurden auch Formulierungen über eine NATO-Ausdehnung diskutiert.
Aber:
Es gibt keinen Vertrag, der eine generelle NATO-Osterweiterung für alle späteren osteuropäischen Staaten verboten hätte.
Auch der NATO-Russland-Gründungsakt von 1997 enthielt ausdrücklich keinen russischen Anspruch auf ein Veto gegen die Entscheidungen der NATO oder gegen den Beitritt anderer Staaten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass russische Sicherheitsbedenken völlig aus der Luft gegriffen waren.
Man kann gleichzeitig sagen:
- Es gab 1990 politische Aussagen und Diskussionen, die in Russland später als Zusagen verstanden wurden.
- Es gab aber keinen allgemeinen rechtsverbindlichen Vertrag „NATO darf sich niemals nach Osten erweitern“.
Beides gehört zur historischen Einordnung.
4. Ein interessanter Punkt: NATO und Russland waren zunächst gar keine Feinde
Das wird in der heutigen Diskussion oft vergessen.
1997 schlossen NATO und Russland den NATO-Russland-Gründungsakt.
Darin erklärten beide Seiten ausdrücklich, dass sie einander nicht mehr als Gegner betrachten wollten. Es wurde eine institutionalisierte Zusammenarbeit aufgebaut.
2002 wurde sogar der NATO-Russland-Rat gegründet.
Russland und NATO wollten darin als Partner zusammenarbeiten – unter anderem bei Terrorismusbekämpfung, Rüstungskontrolle und anderen Sicherheitsfragen.
Das ist ein wichtiges Gegenargument gegen die vereinfachte Darstellung:
„Der Westen hat Russland nach 1991 sofort eingekreist und zum Feind gemacht.“
So war es historisch nicht.
Es gab zunächst eine Phase ernsthafter Kooperation.
5. Warum verschlechterte sich das Verhältnis dann trotzdem?
Mehrere Ereignisse spielten eine Rolle.
Dazu gehörten unter anderem:
- NATO-Osterweiterung
- NATO-Einsatz im Kosovo 1999
- Irakkrieg 2003
- „Farbrevolutionen“ in ehemaligen Sowjetrepubliken
- russische Wahrnehmung zunehmender westlicher Einflussnahme
- NATO-Mitgliedschaft ehemaliger Warschauer-Pakt-Staaten
- Georgienkrieg 2008
- zunehmende Westorientierung der Ukraine
Russland entwickelte zunehmend die Vorstellung, dass die USA und NATO ihren Einfluss immer weiter in Gebiete ausdehnten, die Moskau als seinen traditionellen Sicherheitsraum betrachtete.
6. Der entscheidende Punkt: Die Ukraine selbst wollte sich verändern
Und hier wird die Sache besonders interessant.
Man darf nicht nur fragen:
„Was wollten die USA?“
Man muss auch fragen:
„Was wollten die Ukrainer?“
Nach 2014 orientierte sich die Ukraine zunehmend Richtung EU und NATO.
Und 2017 erklärte das ukrainische Parlament die NATO-Mitgliedschaft zu einem strategischen Ziel. 2019 wurde die entsprechende außenpolitische Orientierung sogar in der ukrainischen Verfassung verankert.
Das bedeutet:
Die Ukraine war nicht einfach eine Schachfigur, die Washington auf das Spielfeld gestellt hatte.
Es gab innerhalb der Ukraine selbst eine zunehmende Bewegung Richtung Westen.
Und genau das war für Russland ein fundamentales Problem.
7. Warum war die Ukraine für Russland so viel wichtiger als beispielsweise Polen?
Das ist ein sehr wichtiger Punkt.
Aus russischer Sicht ist die Ukraine nicht einfach irgendein Nachbarland.
Sie hat:
- eine lange gemeinsame Geschichte mit Russland
- eine große russischsprachige Bevölkerung
- enorme wirtschaftliche Bedeutung
- strategische Bedeutung für das Schwarze Meer
- die Krim und Sewastopol
- eine lange gemeinsame Grenze
- große symbolische Bedeutung für die russische Geschichtserzählung
Und hier kommt Putins eigenes Geschichtsverständnis ins Spiel.
Putin hat 2021 ausführlich über die historische Verbindung von Russen und Ukrainern geschrieben.
Seine Darstellung geht deutlich über eine reine NATO-Sicherheitsfrage hinaus.
Er argumentiert stark mit der gemeinsamen historischen Herkunft und stellt die Entwicklung einer vollständig eigenständigen ukrainischen geopolitischen Identität teilweise infrage.
Das ist deshalb wichtig, weil es zeigt:
Der Konflikt war nicht ausschließlich ein Konflikt zwischen NATO und Russland.
Es ging auch um die Frage:
Ist die Ukraine ein eigenständiger Nationalstaat, der völlig frei über seine außenpolitische Orientierung entscheidet – oder gehört die Ukraine aus russischer Sicht zu einem besonderen historischen und geopolitischen Raum Russlands?
8. Und hier kommt ein sehr starkes Gegenargument zur „NATO hat Russland gezwungen“-These
1994 unterschrieb Russland gemeinsam mit den USA, Großbritannien und der Ukraine das Budapester Memorandum.
Die Ukraine gab im Zusammenhang mit ihrem Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag ihre auf ukrainischem Territorium verbliebenen sowjetischen Nuklearwaffen ab.
Russland bestätigte dabei unter anderem die Achtung der ukrainischen Souveränität und der bestehenden Grenzen sowie den Verzicht auf Gewalt gegen die Ukraine.
Das ist historisch bemerkenswert.
Denn die Ukraine hatte nach dem Zerfall der Sowjetunion auf ihrem Territorium ein riesiges sowjetisches Nukleararsenal.
Sie gab dieses Arsenal auf und erhielt dafür unter anderem Sicherheitszusagen.
Später kam es 2014 zur russischen Annexion der Krim und zum Krieg im Donbass.
Das macht die russische Behauptung:
„Wir mussten die Ukraine angreifen, weil wir uns bedroht fühlten“
nicht automatisch widerlegt.
Aber es zeigt, dass Russland zuvor selbst die ukrainische Souveränität und territorialen Grenzen ausdrücklich anerkannt hatte.
9. Was geschah dann 2021?
Hier wird die „Provokationsfrage“ besonders interessant.
Russland stellte Ende 2021 konkrete Forderungen an USA und NATO.
Dazu gehörten unter anderem Forderungen nach Sicherheitsgarantien und eine Ablehnung weiterer NATO-Erweiterung.
Die russische Führung machte deutlich, dass sie die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine verhindern wollte.
Die westliche Position war dagegen:
Russland darf nicht bestimmen, welchem Bündnis ein souveräner Staat beitreten darf.
Das ist der grundlegende Konflikt.
Russische Sicht:
Sicherheit wird durch Einflusszonen geschaffen.
„Wir brauchen einen Puffer zwischen Russland und der NATO.“
Westliche Sicht:
Sicherheit wird durch souveräne Entscheidungen geschaffen.
„Ukraine darf selbst entscheiden, ob sie NATO-Mitglied werden möchte.“
Ukrainische Sicht:
Souveränität bedeutet, dass Russland kein Vetorecht über die ukrainische Außenpolitik hat.
Und diese drei Vorstellungen waren letztlich kaum miteinander vereinbar.
10. Hat der Westen also „provoziert“?
Hier würde ich zwischen „zur Eskalation beigetragen“ und „den Krieg verursacht“ unterscheiden.
Ja – es gibt Argumente dafür, dass westliche Politik zur Eskalation beigetragen hat.
Dazu gehören insbesondere:
- NATO-Osterweiterung
- die NATO-Erklärung von 2008 zur zukünftigen ukrainischen Mitgliedschaft
- zunehmende militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine nach 2014
- politische Unterstützung der ukrainischen Westorientierung
- die Weigerung, Russland ein formales Vetorecht über die Bündniswahl der Ukraine einzuräumen
Diese Faktoren konnten aus russischer Sicht als Bedrohung wahrgenommen werden.
Aber daraus folgt nicht:
„Russland hatte deshalb keine andere Möglichkeit als den Krieg.“
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Russland hatte andere Handlungsmöglichkeiten:
- Diplomatie
- Verhandlungen
- Fortsetzung des Minsk-Prozesses
- wirtschaftlicher Druck
- bilaterale Sicherheitsvereinbarungen
- internationale Verhandlungen
Und Russland entschied sich schließlich für einen großangelegten militärischen Angriff.
Die NATO selbst weist darauf hin, dass Russland und NATO noch im Januar 2022 im NATO-Russland-Rat miteinander verhandelten. Erst nach der Vollinvasion im Februar 2022 brach die Beziehung grundlegend zusammen.
11. Eine besonders interessante Frage: Was wäre passiert, wenn die Ukraine neutral geblieben wäre?
Das können wir historisch nicht sicher wissen.
Das ist ein Kontrafaktum.
Man kann sagen:
Eine dauerhaft neutrale Ukraine hätte vermutlich einen zentralen russischen Sicherheitswunsch erfüllt.
Aber wir wissen nicht, ob damit alle Konflikte verschwunden wären.
Denn bereits 2014, als die Ukraine noch keine NATO-Mitgliedschaft hatte und zwischen 2010 und 2014 sogar eine gesetzliche Politik der Nichtblockzugehörigkeit verfolgte, kam es zur Annexion der Krim und zum Krieg im Donbass.
Das ist ein sehr wichtiger Befund.
Er spricht dagegen, den gesamten Konflikt ausschließlich auf die NATO-Frage zu reduzieren.
12. Und noch etwas Entscheidendes: Der Krieg begann 2014, nicht 2022
Das wird in manchen Diskussionen unterschlagen.
Die entscheidende Abfolge war:
2013/14 – Maidan und Machtwechsel
↓
2014 – Russland übernimmt die Kontrolle über die Krim und annektiert sie
↓
2014 – Krieg im Donbass
↓
2014/15 – Minsk-Abkommen
↓
2015–2021 – ungelöster Konflikt
↓
2021 – massive russische Truppenaufstockung
↓
Februar 2022 – russische Großinvasion
Die NATO selbst dokumentiert, dass ihre militärische Unterstützung der Ukraine nach der Krim-Annexion 2014 erheblich zunahm.
Damit ergibt sich ein weiterer Teufelskreis:
Russland greift 2014 ein → Ukraine fühlt sich bedroht → Ukraine sucht stärkere westliche Unterstützung → NATO unterstützt Ukraine stärker → Russland sieht darin eine weitere Bedrohung → Russland erhöht den Druck → Ukraine sucht noch stärker Schutz beim Westen.
13. Die vielleicht fairste Gesamtbetrachtung
Wenn man die verschiedenen Argumente zusammenführt, ergibt sich meines Erachtens folgende sachliche Beschreibung:
Russische Sicherheitsinteressen waren real.
Russland hatte tatsächlich ein Interesse daran, dass die NATO nicht bis unmittelbar an seine Grenzen vorrückt. Die NATO-Erweiterung war aus Moskauer Sicht eine strategische Verschlechterung der eigenen Position.
Westliche Politik war nicht ohne Wirkung.
Die NATO erklärte 2008 ausdrücklich, dass Ukraine und Georgien Mitglieder werden sollen. Der Westen unterstützte außerdem die politische und militärische Annäherung der Ukraine.
Die Ukraine hatte aber eigene Interessen.
Die ukrainische Westorientierung war nicht ausschließlich von Washington gesteuert. Sie entwickelte sich auch aus innerukrainischen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen.
Russland hatte eigene geopolitische Ziele.
Die russische Politik gegenüber der Ukraine lässt sich nicht vollständig mit NATO-Sicherheitsinteressen erklären. Krim, Donbass, russischer Einflussraum und Putins historische Vorstellungen über Russland und Ukraine spielen ebenfalls eine Rolle.
Und schließlich:
Eine Vorgeschichte erklärt, warum ein Krieg entstehen konnte. Sie entscheidet nicht automatisch darüber, wer für jede einzelne Handlung verantwortlich ist oder ob eine militärische Entscheidung gerechtfertigt war.
Wenn man die ganze Sache auf einen einzigen Satz reduzieren müsste
Nicht:
„Putin ist einfach verrückt und hat grundlos angegriffen.“
Aber auch nicht:
„Die NATO hat Russland zum Krieg gezwungen.“
Sondern eher:
Nach dem Ende des Kalten Krieges entwickelte sich ein immer schärferer Konflikt zwischen Russlands Anspruch auf einen besonderen Sicherheits- und Einflussraum und dem Anspruch der osteuropäischen Staaten – insbesondere der Ukraine – auf freie Bündniswahl und politische Selbstbestimmung. NATO-Osterweiterung, die ukrainische Westorientierung, der Konflikt seit 2014 und Russlands eigene geopolitischen und historischen Vorstellungen verstärkten sich gegenseitig. 2022 entschied sich Russland schließlich für die militärische Großinvasion.
Und genau an dieser Stelle wird es noch spannender: Die Jahre 2014–2022 und insbesondere die Minsker Abkommen sind der Schlüssel, um zu verstehen, warum der Krieg trotz acht Jahren Verhandlungen nicht beendet wurde. Da gibt es ebenfalls erhebliche Missverständnisse – etwa die häufige Aussage, Merkel und Hollande hätten später selbst zugegeben, Minsk sei nur dazu da gewesen, der Ukraine Zeit zur Aufrüstung zu verschaffen. Das lohnt sich, anhand der Originalaussagen und des zeitlichen Ablaufs genau auseinanderzunehmen.
